Aufstehn für die Pflege

    Zeit des Zuschauens vorbei

    Statistisches Landesamt hat neue Daten veröffentlicht

    Pflegenotstand hatte sich schon vor Corona verschärft

    „Trotz Bemühen hatte sich die Situation des Pflegenotstandes schon vor Corona weiter verschärft. Das belegen die aktuellen Zahlen des Statistisches Landesamtes Rheinland-Pfalz aus dem Jahre 2019. Nur eine radikale Kehrtwende wird uns vor dem Kollaps bewahren.“ So die nüchterne Bilanz des ver.di-Fachbereichsleiters Frank Hutmacher. Die rheinland-pfälzischen Krankenhäuser beschäftigten insgesamt 42.985 Vollkräfte. Das entspricht in etwa dem Vorjahreswert (43.067). Beim ärztlichen Personal ist eine deutliche Zunahme der Vollkräfte von fünf Prozent zu verzeichnen. Auch die Zahl der Pflegekräfte ist leicht um 145 Vollkräfte angestiegen (0,9 Prozent). Demgegenüber ist das nichtärztliche Personal insgesamt um 428 Vollkräfte bzw. 1,2 Prozent gesunken. Das gab jetzt das Bad Emser Landesamt bekannt.

    Hutmacher und Quetting in Mainz ver.di FB 03 Frank Hutmacher (rechts) und Michael Quetting während einer Demo in Mainz noch vor der Pandemie
    Frank Hutmacher Michael Quetting Frank Hutmacher

    Der Pflegebeauftragte der Gewerkschaft Michael Quetting machte darauf aufmerksam, dass im Jahre 2019 15.893 Pflegepersonen insgesamt 1.189.682 Fälle, darunter 944875 stationäre, 19.058 teilstationäre Fälle und 225.749 vor und nachstationäre Patienten, zu bearbeiten hatten. Das bedeutet, dass auf eine vollzeitbeschäftigte Pflegekraft in Rheinland-Pfalz 74,86 Patienten pro Jahr kommen, 2009 waren es noch 71,5 Patienten. „Unter diesen Bedingungen kann eine gute Pflege nicht gewährleistet werden. Die Kolleginnen und Kollegen können die Ansprüche, die die Pflegekammer in ihrer Berufsordnung postuliert, gar nicht erfüllen,“ stellt der Pflegefachmann Quetting verbittert fest und fährt fort: „Diese Probleme dürfen nicht länger verschwiegen werden. Die Zeit der potemkinschen Dörfer sollte vorbei sein.“ Obwohl die Zahl der Krankenhäuser im Land in den letzten zehn Jahren um über 10 Prozent rückgegangen ist, stiegen allein die vollstationären Behandlungsfälle um über 127.000 auf 944.875 Fälle. Gleichzeitig fiel die durchschnittliche Verweildauer von 8,3 auf 7,0 Tage. „Die Krankenhäuser haben zwar schnellere Aufzüge bekommen, beim Personal dagegen hat man gespart und eine Arbeitshetze erzeugt, die uns jetzt in der Corona-Pandemie besonders schmerzlich auf die Füße fällt,“ stellt der Pflegebeauftragte fest.

    Michael Quetting ver.di FB 03 Michael Quetting

    Laut den Gesundheitsexperten Hutmacher und Quetting sei es gerade in Folge der Corona-Pandemie von zentraler Bedeutung, alle Anstrengungen zu unternehmen, Fachkräfte (zurück) zu gewinnen und Pflegekräfte in der Pflege zu halten. Menschen würden sich dann für die Pflegeberufe begeistern, wenn diese ihnen ein attraktives Tätigkeitfeld mit guten Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sowie eine angemessene Bezahlung bieten. Um das bestehende Potential zu heben, seien u.a. erweiterte Angebote zur Weiterqualifizierung von Pflegehilfskräften sowie bessere Ausbildungsbedingungen, darunter eine gute Praxisanleitung, dringend notwendig.

    ver.di fordert ein Sofortprogramm zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Nach vorsichtigen Schätzungen fehlen allein in Rheinland-Pfalz in der Kranken und der Altenpflege etwa 10.000 examinierte Pflegepersonen. „Jetzt ist die Zeit des Zuschauens vorbei,“ betont Frank Hutmacher. ver.di unterstütze deshalb das Pflegebündnis „Pflegeaufstand in Rheinland-Pfalz“. Pflegekräfte aus 56 Einrichtungen in Rheinland-Pfalz haben sich zusammengeschlossen und fordern mehr Personal und verbindliche Personalvorgaben für alle Bereiche der professionellen Pflege, deutlich mehr Gehalt und Tarifverträge, ein neues Finanzierungssystem für die Krankenhäuser und Altenheime, aber auch das Verbot von Alleinarbeit in der professionellen Pflege.